„Man muss Herz in die Seiten legen“

DIE ZEIT online

Colum McCann poltert zur Tür seiner Wohnung herein. Ich hab einen Hurrikan im Kopf! Schweiß auf der Stirn. Es fehlen nur noch 10 Seiten, vielleicht 15. Er meint seinen neuen Roman. Darf ich kurz duschen, bevor wir sprechen? In der Wartezeit gibt es Tee und Kekse (irisches Rezept). 15 Minuten später in seinem Arbeitszimmer. Eine zwielichtige Kammer, immerhin mit Fenster. Eng, nicht ungemütlich. Übervolle Bücherregale.

ZEIT ONLINE: Herr McCann, hat Ihr neuer Roman schon einen Namen?
Colum McCann: „Let the great world spin" – höchstwahrscheinlich.
 (Er zieht ein zerfleddertes Buch unter einem Stapel Papier hervor, schlägt eine Seite auf. Ein Schwarz-Weiß-Foto zeigt die Zwillingstürme des World Trade Centers. Zwischen ihnen balanciert auf einem Drahtseil ein Mann mit einer Stange in den Händen. Am linken oberen Rand des Fotos schwebt ein Passagier-Flugzeug.
)

ZEIT ONLINE: Worum geht es?
McCann: Das hier geschah am 7. August 1974. Der Mann auf dem Drahtseil heißt Phillipe Petit. Er ging mehrmals zwischen den Türmen hin und her. Er legte sich sogar einmal hin. Ist das nicht unglaublich?

ZEIT ONLINE: Und das Flugzeug?
McCann: Die Perspektive täuscht: Es fliegt viel höher, aber es wirkt ...

ZEIT ONLINE: ... als fliege es in den linken Turm!
McCann: Ja. Als würde die Geschichte vorweggenommen!

ZEIT ONLINE: Ihr neuer Roman handelt also von Petit?
McCann: Nein, aber von dem Tag. Das Ereignis, der Drahtseilakt an sich, ist eines der zentralen Bilder in meinem neuen Buch.

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